Nestwerk e.V. Hagen im Bremischen

Nie mehr ohne! Das neue Tip Doc für Flüchtlinge. Eine wunderbare Hilfe für alle Beteiligten. Die wichtigsten Sprachen sind dabei und Tigrinya wurde nicht vergessen!

Eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge soll eingeführt werden. Aus verschiedenen Gründen ist sie umstritten, aber den Ehrenamtlichen und allen anderen Betroffenen würde sie viel Arbeit und Nerven abnehmen. Dazu fand ich folgenden Kommentar von Birgrid Baum (Flüchtlingshilfe Schiffdorf) auf Facebook:

 DARAUF WARTE ICH SCHON SO LANGE! Die Gesundheitskarte würde nicht nur "menschenwürdiger" sein (da müssen unsere Flüchtlinge ganz andere menschenunwürdigen Dinge ertragen), die Gesundheitskarte würde uns Ehrenamtlichen die Arbeit erheblich erleichtern. Insider wissen, was für einen Verwaltungsakt ein einziger Arztbesuch eines Flüchtlings bedeutet. Als Ehrenamtliche muss ich erstmal nachdenken, welchen Ausweis hat der Flüchtling? Hat er noch den "DIN-A 4-Wisch" von der LAB, der nach Monaten kaum noch zu lesen ist? Dann braucht er den als Original zwingend, um sich beim Arzt vorzustellen. Da auf diesem "Wisch" nicht die aktuelle Adresse steht, brauche ich noch zusätzlich die Meldebestätigung (auch in DIN-A 4-Größe) seiner Gemeinde. Das gleiche bei den Flüchtlingen mit dem "grünen faltbaren Ausweis" (beinhaltet ebenso keine Wohnanschift) zusätzliche Meldebestätigung erforderlich. Mit all diesen Papieren in der Arztpraxis angekommen, steht man dann vor einer Arzthelferin, die einem weismachen will, ohne Versichertenkarte könne keine Behandlung erfolgen. Es sei nicht möglich, jemand ins System einzugeben ohne Chipkarte. Lange Erklärungen meinerseits, dass man sich einen Abrechnungsschein per Fax vom Sozialamt LK Cuxhaven anfordern müsste. Nach heftigen Diskussionen im Beisein anderer Patienten und bösen Blicken auf mich und vor allem dem neben mir stehenden Flüchtling, kann man sagen, das sind die Momente fürs Fremdschämen. Nachdem es die Arzthelferin dann doch irgendwie geschafft hat, die Personalien ins System einzugeben, sind alle Beteiligten sichtlich genervt. Dann muss man als Ehrenamtliche noch höllisch aufpassen, ob die originalen Dokumente, die man zur Kopie überreicht hat, auch als Original zurück gegeben werden. In vielen Fällen waren es die Kopien, die für den Flüchtling wertlos wären. Gerade vor 4 Wochen war ich in einem Krankenhaus in Bremerhaven, da mussten Personalien von 5 Kindern aus dem Landkreis Cuxhaven eingegeben werden. Papiere und Zettel ohne Ende. Zur Verwirrung der Dame am Empfang, waren die minderjährigen Kinder samt Geburtsdaten, nur durch Kommata getrennt, alle im grünen Ausweis der Mutter hintereinander weg geschrieben, was bei unbekannten syrischen Namen schon allein für Verwirrung sorgt. Und dann haben syrische Mütter und ihre Kinder auch noch unterschiedliche Familiennamen. Ich fragte mich, warum stehen die Kinder nicht der Einfachheit halber beim Vater im Ausweis, der doch den selben Familiennamen wie die Kinder hat. Das perfekte Chaos. Alles klappte bei der Eingabe wunderbar, ich konnte es kaum glauben. Dann passierte es wieder, den Kostenträger Sozialamt Landkreis Cuxhaven wollte der Computer einfach nicht annehmen. Man sagte mir, das System sei nicht für Patienten vom Sozialamt aus dem Landkreis vorgesehen. Das war mal eine neue Variante. Ich empfahl dann, mal "LK Cuxhaven Sozialamt" einzugeben... und schwupps... das akzeptierte der Computer. Vielleicht sollten die Verantwortlichen auch mal darüber nachdenken, was für einen Aufwand es bedeutet, diese Arbeit zu leisten und die Nerven zu behalten und immer nett und freundlich zu bleiben als Ehrenamtliche, sonst hat man nämlich sehr schlechte Karten. Und man muss sich leider wirklich Einiges anhören. Als nächstes kommt dann die Anforderung des Abrechnungsscheins per Fax ans Sozialamt als Zeitaufwand ins Spiel. Dann der Aufwand des LK, der die Daten überprüfen muss, die eine Praxis sendet, das dann dem Fax eine Adresse entnehmen muss, um ihn auch an die richtige Praxis zu schicken (als Papier auf dem Postweg!!!). Dann beginnt in der Praxis wieder jemand damit, die Abrechnung handschriftlich einzutragen, was heutzutage schon ziemlich zeitaufwändig ist, da Abrechnungsziffern und die entsprechenden Diagnosen nur noch über Programme laufen. Wenn dies alles passiert ist, sind gut 3-4 Wochen vergangen. Dann wird der Abrechnungsschein wieder in Papierform per Post an die Abrechnungsadresse nach Essen geschickt. Ich finde dies alles unglaublich! Ganz zu schweigen von Praxen, die noch keine "Flüchtlingserfahrung" hatten, die in unzähligen Telefonaten beim LK Cuxhaven nachfragen, wie der Ablauf ist, obwohl man einen Internetausdruck des LK mit der Beschreibung des Procedere bei dem Erstbesuch vorgelegt hat. Wenn wir nun einmal annehmen, dass ein Flüchtling alleine zum Arzt gehen muss, weil gerade kein Ehrenamtlicher zur Verfügung steht, der kann sich ausmalen, was für ein Desaster sich dort manches Mal abspielt. Entweder kommt er ohne seine original Papiere zurück oder es wurde ein verschreibungspflichtiges Medikament auf ein grünes Rezept gedruckt (sprich: es muss in der Apotheke in bar bezahlt werden, auf einem rosa Kassenrezept übernimmt es das Sozialamt). Mit einer Gesundheitskarte wäre alles soooo einfach. Ich frage mich seit zwei Jahren, wann wird es sie endlich geben? Vielleicht sollten mal die Verantwortlichen für einige Zeit Flüchtlinge in Praxen oder Krankenhäuser begleiten, dann hätten wir sie schon sehr bald. Und zum Schluss noch etwas: Welchen Sinn macht es, wenn ein Flüchtling spezifische Beschwerden hat, so dass wir alle wissen, er muss von einem Facharzt gesehen und behandelt werden, dass er zuerst zum Allgemeinmediziner gehen muss, der so zur teuren Diagnostik inklusive Abrechnung gezwungen ist, eine klinische Untersuchung zu machen, evtl. auch Blutabnahme, Ultraschall oder Röntgen anleiert, dann aber doch nach, in meinen Augen vertaner Zeit, den Flüchtling zum Facharzt überweist, der dann mit der Diagnostik von vorne beginnt. Ich bin sonst kein Freund von Kommentaren in FB, aber hier hoffe ich sehr, dass es die Verantwortlichen lesen. Und Zeitersparnis, sprich Personalkosten, sollten hier einmal gegen gerechnet werden. Ich bin mir sicher, dass diese Erfahrungen tausende Flüchtlingshelfer in Deutschland machen.